#16. Spaß.

Eigentlich wollte ich jetzt in diesem Augenblick die Schulternähte des Robson Coats schließen, aber dieses Blogposting spukt mir im Kopf rum und muss raus. Außerdem habe ich bereits fein säuberlich ge-topsticht und mit Schrägband versäubert und der jetzt anstehende Schritt wird die Passformmängel offenbaren, die ich erst beheben kann, wenn ich meterlange Nähte getrennt habe. Ich Schaf, ich, muss endlich aufhören, mich sklavisch an Anleitungen zu halten.

So. Nach dieser Einleitung, die einfach nichts mit dem folgenden zu tun hat gehts im Thema los. Ich nähe, also bin ich. Aufhänger ist Frau Siebenhundertsachens Blogpost, in dem sie darüber nachdenkt, inwiefern wir alle Landlustleserinnen sind. Aufhänger ist ein Spon-Artikel über den ich mich an anderer Stelle in privaterem Rahmen bereits ausführlich aufregte. (In diesem Zusammenhang sei auf Sibylles Blogbeitrag zum Thema hingewiesen). Danke liebe Frau Siebenhundertsachen für die geteilten Gedanken dazu. Ich denke an dieser Stelle aus einer anderen Perspektive noch einmal anders weiter – völlig wirr, wie ich fürchte, aber es kreist in meinem Kopf. Bei mir ist es weniger das Attribut „häuslich“, das mich zusammenzucken lässt, sondern sind es vielmehr zwei Aspekte, die ich vor allem in Diskussionen, Medienberichten wie dem genannten Spon-Artikel, aber auch in Meine-Frau-näht-seit-den-Kindern-auch-Loops-Witzchen vor Meetings etc. mitschwingend wahrnehme und die mich nerven.

a) Frauen entscheiden sich bewusst dafür, ein Kind zu bekommen und ihre Karriere zu vernachlässigen. Was mitschwingt: alle Frauen wollen immer Karriere machen, niemand kann einfach nur gern arbeiten gehen und dabei ein ausgefülltes Leben haben. Oder andersrum: nur Mutter sein ist nicht ok. Und, ach, dazwischen scheint es gar nichts zu geben. Heute dazu nur das: ich wünsche mir als erstes deutlich mehr Solidarität unter Frauen zu allen Themen. Gerade bei Müttern beobachte ich ein so ausgeprägtes schwarz-weiß Denken verbunden mit Wertungen über die Lebens- und Erziehungsweisen der anderen einhergehend mit zerfleischenden Verhaltensweisen, dass ich bezweifle, so auch nur einen Schritt in der Diskussion oder im Leben vorwärts zu kommen. Gleiches gilt übrigens für Chefinnen, die lieber Männer fördern, weil die Frau unter ihnen es leichter haben könnte, als sie es selbst hatte. Gleiches gilt auch für das Verhältnis von Müttern zu Nicht-Müttern. Ihr könnt euch beliebig viele andere Beispiele denken. Mich nervt das, kann in diesem Land mal jede bitte auf ihre Weise glücklich sein dürfen? (Ja, ich kann das auch nicht immer, aber ich wünsche mir, dass wir uns alle etwas mehr Mühe darin geben) Und dann würde ich als nächstes gern mal unabhängig vom Kinderthema über Lebensentwürfe in diesem Land sprechen können. Aber dazu 2023 mehr.

b) die implizite Annahme, dass Nähen (ersetze gern durch andere eher weiblich geprägte Handarbeiten vs eher männlich besetztes Handwerken) von Hausfrauen, unterbeschäftigten Müttern oder rosa-wattierten Deko-Damen ausgeführt wird und damit eine sinnbefreite Freizeitbeschäftigung ist. Dazu etwas mehr.

Nähen ist nicht weiblich oder männlich. Nähen ist ein Handwerk, kein primäres oder sekundäres Geschlechtsmerkmal. Wikipediat mal die Geschichte des Schneiders. Erst Männer, später Frauen.

Freizeit ist irgendwie nicht en vogue. Leistung drückt sich in Stundenzahl und Anwesenheit aus. Bekannte Kompensationshandlungen aus Funk und Fernsehen: 100-Stunden-Jobs per Lustreise wettmachen.

Ich habe Glück. Sollte es jemanden in meinem Umfeld geben, der das Nähen albern findet, diskutiert er es nicht mit mir. Ich habe mich noch nie rechtfertigen müssen oder unsinnige Debatten dazu geführt. Ich halte es nur nicht aus, dass Selbermachen wahlweise als der Heilsbringer für Mütter oder als Symbol des weiblichen Untergangs herangezogen wird. Beides kann man immer mit Beispielen untermauern.

Für mich aber ist das Nähen etwas anderes. Auf die Frage, wo man die Flamingobluse kaufen kann, antworte ich einer Kollegin „gar nicht, die ist selbst genäht“ und freue mich darüber. Meins. Ich. Eine Freundin begrüßt mich wöchentlich mit den Worten: „Schon wieder ein neues Kleid! Du siehst toll aus“. Danke. Ich freue mich. Eine andere sieht in meinen Kleiderschrank: „Deine Röcke hätte ich auch gern, so etwas findet man ja nie im Laden“. Richtig. Mein Kopfkleiderschrank nimmt Realität an. Eine weitere Person sagt: „Weißt du eigentlich, dass du endlich nach dir selbst aussiehst?“ Ja, danke das weiß ich und das spüre ich beinahe täglich. Nähen ist mein Weg zu mir selbst. Ich denke an der Maschine, ich löse Probleme, ich organisiere ein Projekt neben dem Alltag, mir kommen Ideen und ich lerne. Bei jedem Teil, durch jeden Blogbeitrag von euch, durch unsere gemeinsamen Erfahrungen und die Gedanken dazu.

Das allerwichtigste aber: Es.Macht.Mir.Spaß.

Advertisements

6 Gedanken zu “#16. Spaß.

  1. Ich wollte dir schon seit Tagen für den Artikel danken – genau so ist es. Wirre Gedanken, um das Bild der Realität anzunähern: Wir sollten vielleicht alle ein kleines bißchen offensiver mit dem umgehen, was wir tun. Auch wenn das schwer ist – in vielen Arbeitskontexten sind Hobbys neben der Arbeit eh kaum akzeptiert, und dann ein als so unintellektuell geltendes Hobby wie Nähen zu verteidigen, verlangt einiges ab. Die Akzeptanz von Kochen als Hobby verbreitete sich mit den Kochshows und den (meist männlichen) Fernsehköchen, wahrscheinlich brauchen wir sowas auch. Oder beim nächsten Teambildungsseminar wird mal nicht gemeinsam gekocht oder geklettert oder wasweißich, sondern alle nähen (im Fließbandverfahren, zwecks Teambildung!) sowas wie Schlafanzüge für Flüchtlingskinder oder so.

    • Das finde ich eine hervorragende Idee! #kollektivesnähen als Teambuilding! Großartig. Ich glaube, dass das Nähen von tragbarer Kleidung schon der erste große Schritt ist. In dem Moment realiseren die Menschen um mich herum immer, dass es so etwas wie einen Nutzen haben kann. Ich glaube die Inakzeptanz beruht auch auf dem Bild, das viele Menschen vom Hobby des Nähens haben: Produktion von Staubfängern oder bunte Kinderkleidung erscheinen offenbar vielen nicht ernstzunehmend sein. Wenn ich ein selbstgenähtes Kleidungsstück trage, kommt ganz häufig aber Bewunderung und die Frage nach dem Enstehungsprozess und dann die Einsicht, dass trivial anders sei. Und ja: ich bin für eine Fernsehshow übers nähen – das deutsche British Sewing Bee darf gern von Vox & Co adaptiert werden.

  2. Ja, stimme auch zu.
    Vielleicht ist das so wie mit den männlichen Köchen. Als Beruf ein Handwerk, daheim, wo keener guckt, liegt es dann in der Hand der Frauen.
    Beim Nähen ist es ja ähnlich, früher haben die jungen Mädchen in ihrer Schulausbildung lernen müssen, wie gehandarbeitet und gekocht wird und wie sie sich schön aufhübschen können. Vielleicht kommt daher dieses seltsame Bild der unemanzipierten Frau. Dieses Bild sollte sich mal der Realität anpassen.
    LG

    • Liebe Lotti,

      ja das sollte es sich – also das Bild der Realität anpassen. Fragt sich nur, wie. Blogs sind sicher ein wichtiges Mittel dafür aber darber hinaus muss doch noch mehr gehen?

Sag mir Deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s