#32: Sehen.

Während ich durch den grauen und regnerischen Hamburger Morgen laufe, sehe ich auf den Boden. Den Blick tief gesenkt, um nicht allzu nass zu werden und um auf die Pfützen, tief wie Seen, zu achten. Den ganzen Tag mit nassen Füßen im Büro, das mag ich nicht. In meinem Kopf bereite ich den Tag vor – was muss ich wann wie erledigen, mit wem muss ich sprechen, wer muss angerufen, informiert werden. Ist das wichtige Projekt bereits einen Schritt weiter? Werde ich die Deadline halten? Ich fliehe vor dem Regen in die nass-muffelige U-Bahn und blicke das erste Mal auf heute. Menschen, die genau wie ich mit sich und dem vor ihnen liegenden Tag beschäftigt sind. Ein Kind brüllt und ich bin genervt. An der Haltestelle ärgere ich mich, dass ich im Regen vor der Treppe warten muss, was ist da los? Eine Rentnerin kommt mit dem Rollator nicht allein die Treppe runter, hinter ihr stauen sich regenbeschirmte Menschen, genervt und hektisch. Eine Frau klappt ihren Schirm zu, hilft der Dame die Treppe runter und wrd dabei patschnass. Ich blicke endlich wirklich auf – und schäme mich.

Fasse einen Beschluss: Ich will nicht wieder den ganzen Winter mit gesenktem Blick durch die Stadt laufen – ich will sehen. Das ist es doch, was mich im Sommer fröhlich sein lässt: sehen, wahrnehmen, da sein. Allzu oft lasse ich mir vom Wetter, den Aufgaben des Tages und sonstigen Dingen den Blick verstellen. Schluss damit. Daher gibt es hier eine neue Kategorie: Sehen.

In dieser sammele ich Geschichten des Alltags in denen Menschen sich helfen, füreinander da sind, Fremde wie Freunde. Klingt profan? Mag sein, ich merke aber, wie sehr mich diese Situationen berühren und mich umdenken lassen, den Blick von mir selbst in die Außenwelt richten – das ist wichtig. Keine Sorge, das hier wird kein Esoterik-Wohlfühl-Gutmenschen-Blog – dafür sorgt schon die Tatsache, dass ich mich hervorragend, gern und ausführlich ärgere und aufrege. Aber die Perspektive zu wechseln ist auf jeden Fall hilfreich, finde ich.

Auf Facebook stieß ich heute auf diese Geschichte – egal ob sie wahr ist oder nicht, sie hat mich berührt und sie ist die erse Geschichte in der Reihe „Sehen“. Ihr habt auch solche Geschichten? Erzählt davon!

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8 Gedanken zu “#32: Sehen.

  1. Das ist eine schöne Geschichte; so etwas ist mir auch neulich passiert. Manchmal erschrecke ich mich richtig, wie beschäftigt ich damit bin, miesmupfelig durch die Gegend zu laufen und wie viele schöne Momente man dadurch verpasst oder sogar verhindert. Jetzt klinge ich wahrscheinlich wie eine Gutmensch-Wohlfühlgeschichtenbloggerin, aber das Risiko nehme ich jetzt mal in Kauf 🙂

  2. Helfen ist doch was schönes. Ich finde es schlimm, wie ellenbogengesteuert die Mehrheit durch das Leben hetzt. Nur Ich!Ich!Ich!. Es schadet nicht, sich nach dem Euro zu bücken, der der alten Damen vor uns an der Kasse runtergefallen ist. Weggucken und so tun, als ob man gaaar nichts bemerkt hätte, finde ich persönlich viel anstrengender.
    Liebe Grüße, Sandra

  3. Letztens am S-Bahnhof: Ein älteres Paar, er mit Rollator, sie mit sehr langsamen Schritten steuern auf eine lange Treppe zu. Der Blick und das herzerwärmende „Danke. Vielen Dank.“ der beiden, nachdem ich ihm den Rollator abgenommen und hinuntergetragen habe. Hätte beinahe geweint. So schön.

  4. Völlig richtig. Man darf sich von äußeren Umständen (auch wenn man wetterfühlig ist, wie ich) nicht runterziehen lassen. Die Perspektive zu wechseln ist wichtig. Toller Beitrag!

  5. Oh man, jetzt habe ich Tränen in den Augen! Deine Geschichte hat mich schon bewegt, aber auch die Geschichte auf Facebook. Und vielleicht auch, weil man sich oft dabei erkennt, das man weiß was richtig ist und vielleicht doch wegschaut. Weils vermeintlich einfacher ist. Dabei tut sicherlich nichts davon weh!
    Kurz gesagt: Ich bin begeistert von deiner Idee, hinzuschauen und das du uns davon berichtest! Und wenn wir ehrlich sind, kann das vermutlich jeder „mehr“ tun.
    Viele Grüße,
    Marina

    • Danke Marina. Ja das sehe ich genauso. Und meist sind es die kleinen Dinge – man muss keine großen Aktionen planen sondern eher alltagshilfsbereit sein, dann läuft alles schon ein bisschen runder.

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