#57: Der Wintermantel

Als ich neulich so prokrastinierte hatte das einen Grund: ich habe meinen Urlaub genutzt und neben dem Weihnachtskleid auch das eigentlich geplante Weihnachtskleid zu nähen. Das Ergebnis zeige ich euch demnächst – bis jetzt nur so viel: mich überzeugt es nicht. Schade, denn es ist handwerklich wirklich gut geworden aber nach sechs Mal Ärmel rein und wieder raus ist mein Wille, noch weiteres zu ändern, inexistent. Nebenbei habe ich noch halbfertige Projekte fertiggestellt, die ich dann auch wieder nicht mochte. Daher musste eine Runde Ablenkung und die Auseinandersetzung mit meiner Unzufriedenheit sein. Was also war das Problem? Relativ einfach gesagt: ich nähe an meinem Bedarf vorbei. Kleider, ja die braucht man immer. Röcke auch. Wirklich fehlen tun mir aber andere Dinge: Blusen, Shirts und ein Wintermantel.

Gesagt getan: neben drei Blusenschnitten lud ich mir einen Wintermantelschnitt runter. Dieser hier wird es:

Screenshot_burdastyle_12_2012_Mantel

Quelle: burdastyle.de

Der Mantel ist aus der burda 12/2012, Modell 104. Ich mag den schlichten Schnitt, den leichten Militärstil sowie die dicken goldenen Knöpfe und den Stehkragen. Nachdem ich Robson genäht hatte kam der Winter schneller als gedacht und Robson wurde zu kühl. Einen Teil des Urlaubs verbrachte ich damit, einen geeigneten Kaufwintermantel zu finden. Ohne Erfolg. Das Tragegefühl, das Robson mir vermittelte, wollte bei keinem gekauften Mantel so richtig aufkommen. Ich habe auch mit dem Gertie-Mantel geliebäugelt, aber nachdem Cat schrieb, dass sie drei Stunden Handsäume gemacht hatte, war der raus. Zudem sind nur zwei Knöpfe als Verschluss im Hamburger Winder mit viel Wind eher ungeeignet.

Nun also burda. Ich bin optimistisch, dass ein gutes Stück dabei herauskommen wird, denn bisher habe ich das Gefühl, alles mit Sinn und Verstand (das ist nicht bei jedem Projekt so :)) angegangen zu sein. Und das ist bisher passiert:

  • Freitag:
    • (den teuersten) Stoff (meiner Nähkarriere), Futter, Schulterpolster und überteuertes Garn bei Karstadt gekauft
    • Schnitt gekauft, ausgedruckt und 50 Seiten in zwei Stunden geklebt und zusammen gebastelt
    • für Größe 42 mit üblichen Längenänderungen entschieden (nicht zuletzt, weil Lucy mich auf Twitter darauf aufmerksam machte, dass das Dodo-Kleid in 42 ja passte): +2 cm an den Vorderteilen, +1 cm an den Unterteilen und + 3 cm am Saum
    • Nahtzugaben angezeichnet – 1,5 cm ist bescheiden anzuzeichnen – mein Handmaß hat jetzt eine von mir eingezeichnete Hilfslinie bei 1,5 cm. Warum wird das nicht gleich so verkauft?
Mantelwollstoff_rechts

Der gewählte schwarze Wollstoff von der rechten Seite – er hat ein feines Streifenmuster

Mantelwollstoff_links

Der Wollstoff von links – seeeehr kuschelig. Die 25 Euro/Meter haben sich bezahlt gemacht: schnitt sich wie Butter.

Am Sonntag war ich bei Mama – samt schwerer Tüte mit Schnitt, Stoff, Futter. Wir haben über zwei Stunden zu zweit zugeschnitten – und das war gut so, denn es gibt ja doch so einiges zu berücksichtigen, was burda nicht verrät.
Unter anderem:

  • 1,5 cm Nahtzugabe an kurvigen Nähten sind laut Profi-Mutter bei so schwerem Wollstoff zuviel. Der Grund: die Nahtzugabe würde sich nicht legen, erklärte sie mir, auch zurückschneiden hilft nichts (davon hält sie im Übrigen sowieso gar nichts, also vom Zurückschneiden der Nahtzugabe. Materialverschwendung – dann lieber gleich mit den korrekten Maßen zuschneiden)
  • dafür dürften es an den Seitennähten auch gern 2 cm sein, damit die Nähte bestens ausgebügelt werden können und der Mantel einen guten Fall bekommt
  • ich habe also brav alle zuviel angezeichneten Nahtzugaben wieder entfernt, aus pragmatischen Gründen aber auf das Anfügen von 0,5 cm an den Seitennähten verzichtet: meine Maschine hat keine Markierung bei 2 cm – sie hört bei 1,5 auf und schweren Stoff verarbeitet sie mit ganz nach links gestellter Nadel eher ungern.
  • Beim Schneiden dürfen es ein paar Millimeter mehr sein – alle Teile habe ich mit der Overlock versäubert, die immer noch einige wenige Millimeter abschneidet, so bleibt die Passform erhalten
  • Teile, die später zusammengehören, werden untereinander gelegt und zugeschnitten. Also z. B. das vordere Oberteil wird gelegt und direkt darunter das vordere Unterteil, daneben das seitliche Oberteil und darunter wieder das seitliche Unterteil usw. Das spart Stoff und vermindert die Fehlerquote. Der Plan von burda sah das anders und nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass sowieso schon frickelige 15-teilige Schnittmusterpuzzle unnötig zu verkomplizieren. Hat aber einen halben Meter Stoff gespart.
  • Als Futter habe ich mich für ein altrosa Satin entschieden – ein Stoff, den ich sonst im Leben nicht verwenden würde, den ich mir im Mantel aber als wundervoll fein vorstelle. Aber glitschig ist er. Wovon die Profi-Mutter auch nichts hält: die in den Nähforen dieser Welt immer wieder empfohlene Sprühstärke. Glitschigkeit beim Futterzuschnitt bekommt man so in den Griff: Schnittteile und Oberstoffteile bleiben nach dem Zuschnitt zusammen gesteckt und werden als Ganzes auf das Futter gelegt und so wird das Futter durch den Oberstoff beschwert und lässt sich hervorragend zuschneiden.
  • Bei Teilen, die für den Futterzuschnitt geändert werden müssen, weil z. B. ein Besatz nicht mitgeschnitten wird und diese von burda natürlich nicht separat zur Verfügung gestellt werden: neues Schnittteil erstellen. Vermindert die Fehlerquote und erleichtert eine weitere Verwendung des Schnittes. Geht auch viel schneller, als ich dachte: Original auf Schnittpapier legen, ausrädern, ausschneiden, fertig.
  • der Beleg wird als ein, nicht wie angegeben als zwei Teile geschnitten. Besserer Fall und so.

Ihr seht, ich habe gestern eine Menge gelernt – das wusste ich in der Tat alles nicht, obwohl ich bereits relativ lange nähe. Beruhigt war ich übrigens, dass sie genauso Bammel hatte wie ich, in den teuren Stoff zu schneiden – das ist also entweder genetisch bedingt oder einfach der Respekt vor teurem Material.

Heute dann: Overlock-Massaker. Hier ein Nachher-Bild:

Overlock_mit_schwarzem_Stoff

Seht ihr, wie die Garnreste an der Maschine kleben? Das ist einer der Gründe, warum ich meine Nähmaschine nicht so schnell hergeben werde. Plastikgehäuse sind statisch! Helga, meine Nähmashcine, ist noch voll aus Metall und mit der passiert mir das nie.

Nun muss ich nur noch Vlieseline G 785 in unbekannter Menge besorgen (die Anleitung schweigt sich zur Menge aus, ich habe nachgemassen: 1.25 Meter) und aufbügeln, sowie die Armausschnitte mit Vlieseline Formband bebügeln (großer Spaß. Nicht) und dann kann der Spaß an der Maschine beginnen.

Das ist der vorbereitete Stapel, fein säuberlich sortiert: Außenstoff, Futterstoff, Schnitteil.

Stapel_Zuschnitt

Ich verspreche: das nächste Update kommt ganz sicher. Gute Nacht.

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6 Gedanken zu “#57: Der Wintermantel

  1. Pingback: #62: Der Wintermantel – Zwischenstand | Bloggen. Leben. Nähen.

  2. Pingback: #58: 12 von 12 | Bloggen. Leben. Nähen.

  3. Oh, das wird bestimmt ein schöner Mantel und vielen Dank für Deine tollen Tips! Ich bin sehr gespannt wie das Ergebnis sein wird. Ich fand den Mantel damals im Heft auch schon hübsch, aber ich traue mich an sowas noch nicht ran.

  4. Bei Stoff+stil gibt es einen „Saum-Messer“, ein kleines Alulineal mit Einkerbungen für die gängigsten Natzugabenbreiten etc. – auch 1,5 cm – und auch Knopfabstände kann man damit hervorragend messen. Ich liebe das Teil! Da es aus Metall ist, kann man drüberbügeln, das ist z. B. prima beim gleichmäßigen Umbügeln von Säumen. Diese Plastikteile von Prym kann man im Vergleich vergessen. Für den richtigen Abstand zur Nadel mache ich mir an der Nähmaschine dann eine Markierung mit buntem Klebeband, an die ich anlege – meine hat nämlich alle möglichen und vor allem viel zu viele Markierungen, auch in Inch-Abständen, das kann man beim Nähen sowieso nicht auseinanderhalten.
    Der Tipp, den Beleg in einem Teil zuzuschneiden ist toll – es sind die kleinen Dinge…

    • Sie sehen, wie ein Kopf auf den Tisch kracht. Meine Güte, das Ding habe ich seit Jahren zu Hause und mache alle Säume damit, meinst du ich bin auf die Idee gekommen, es zu nutzen, um Nahtzugaben anzuzeichnen? Danke für diesen zeitsparenden und lebensrettenden Tipp. Und das mit dem butnen Tape werde ich mal ausprobieren.

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