#97: Die Kugel und mein Nähnerd. Oder: Eine Ode ans egoistische Nähen.

28. Woche. Also 27+irgendwas – diese Art der Zählung werde ich nicht mehr beherrschen oder auch Ende 7. Monat. Zeit hat in der Schwangerschaft noch mal eine völlig neue Bedeutung gewonnen. Jede Woche wird gezählt, bei der Methode, die ich nicht behalten kann, sogar jeder Tag. Das ist toll, weil damit Bedeutung in jede Woche kommt. Guck mal, jetzt ist es ein Gummibärchen. Ui in dieser Woche wachsen die Wimpern. Und kommende Woche bilden sich die Furchen im Gehirn. Und so weiter.

Parallel passiert aber auch etwas anderes. Die Zeit verfliegt. Nicht so, wie am Ende jeden Jahres, an dem ich erstaunt feststelle, dass schon wieder ein neues vor der Tür steht. Eher so, wie vor einer wichtigen Prüfung – erst dauert alles ewig, kaugummizäh dehnt sich die Zeit aus, wenig pasiert, die Aufregung ist dennoch immer vorhanden, das Bewusstsein geschaffen. Ab einem gewissen Punkt beschleunigt die Zeit – sie beginnt erst langsam, dann immer schneller zu rennen. Eben war noch Halbzeit, dann liegen plötzlich nur noch wenige Wochen vor mir. Schneller als ich gucken kann, werde ich in den Mutterschutz gehen, nicht mehr arbeiten.Mit der Schwangerschaft sehe ich das Jahr voran schreiten. Zügig läuft es ab. Ist jetzt noch August und wird das erste Herbst-Lamentieren laut, wird gleich Winter sein, wir uns in den Häusern verkriechen und Weihnachten feiern. Die einen Nähnerds planen einen #HosenHerbst, andere wünschen sich eine Verlängerung des Sommers und bei dritten las ich von Herbstnähplänen. Ich sitze vor dem Feedreader und der Nähmaschine wie das Kaninchen vor der Flinte. Erstarrt in Umstand. Klar nähe ich. Erste Teile für den jungen Mann in meinem Bauch. Süß sind die. Das ein oder andere Shirt für meinen Kugelbauch, der gerade wunderschön ist aber so langsam aus allem raus wächst, was ich im Schrank habe. Viel zu viel Jersey für meinen Geschmack, mir fehlt der Webstoff. Ich habs mit einer Patchworkdecke für den Kurzen probiert, sie wächst und gefällt mir sogar, aber das ist nicht das, was mir fehlt.

Mir fehlt das egoistische, das für mich wahre, das Kleider- und Röcke, Blusen, Mäntel nähen. Das erwachsene Nähen. Das ein Ziel hat, aber den ungewissen Ausgang über das Ergebnis mit sich bringt. Das in Schönheit oder Schock enden kann, das mich Neues lehrt und Altbekanntes leicht anwenden lässt. Mir fehlen die großen Pläne, das Verwerfen dieser Pläne und das erste Kribbeln im Bauch beim Blick auf das, was ihr näht und die Idee im Kopf, wie es an mir aussehen könnte – welchen Stoff ich verwenden würde und wie ich das Projekt umsetzen würde.

Mir fehlt mein eigener Nähnerd. Seien wir realistisch, dieses Jahr werde ich ihn nicht mehr treffen, weil ich damit beschäftigt sein werde, den Kurzen kennen zu lernen.

Aber ich freue mich sehr auf das Voranschreiten der Zeit und den damit näher rückenden Tag, an dem ich mein erstes Nähnerd-Prjekt für mich umsetzen werde. Es wird ganz sicher ein Kleid. Oder ein Rock. Oder wird sogar der Wintermantel fertig?

 

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12 Gedanken zu “#97: Die Kugel und mein Nähnerd. Oder: Eine Ode ans egoistische Nähen.

  1. das scheint der vorteil zu sein, wenn man erst das kind und dann die nähmaschine bekommt: mich schrecken schon die stoffmengen ab, die ich bräuchte, um etwas für mich zu nähen 😉 dafür probiere ich mich gerade an einem eigenem bzw abgepauschten hosenschnitt für das minimädchen – während sie an meinem nähfreitag natürlich alles versucht, um mich abzulenken…

  2. Ich hab deinen Blog mal entdeckt, als du noch nicht werdende Mama warst. Lustigerweise hänge ich dir 2 Wochen in der Schwangerschaft hinterher, bekomme auch einen Jungen und lese deswegen gerne von deinen Eindrücken. Teilst du auch mal deine Schnitte/Nähprojekte für den Kleinen? Ich bin bisher nur am Stricken einer Latzhose (ravelry on the go-veralls) und Söckchen.

    Viele Grüße,
    Stephanie

    • Herzlichen Glückwunsch, Stephanie! Ja, wenn Interesse besteht, kann ich gern mal zeigen, was ich bisher so ausprobiert habe – obs am lebenden Objekt funktioniert, werde ich dann sicher auch berichten 😉

  3. Genau so ging es mir auch in den letzten Monaten! Und das kann wohl wirklich nur ein Nähnerd verstehen, diese Sehnsucht nach der Nähmaschine, wenn man eigentlich Zeit hätte (Mutterschutz), aber Nähen für sich selbst ab einem gewissen Punkt der Schwangerschaft eigentlich keinen Sinn macht…. Nun ist mein Fräulein K. seit 2 Monaten auf der Welt und ich nähe wieder! Und sogar einigermaßen viel. Zwar ändert sich die Figur ja auch nach der Geburt noch ziemlich, aber es macht trotzdem richtig viel Spaß. Deshalb: Nimm Dir ruhig viel vor für die Zeit ohne Babybauch, wenn die webstoffgeeignete Taille wieder zurückkommt 😉

    Alles Gute für die kommenden Wochen!

    Liebe Grüße,
    Stefanie

    • das ist schön zu lesen – also, dass es euch offenbar gut geht und du wieder Lust und Zeit zum Nähen findest. Ich höre derzeit viele schlimme Geschichten von Frauen, die mir erzählen, dass sie es nicht mal schaffen, zu duschen.

  4. Liebe Katarina,
    und bald ist er volljährig, hat eine eigene Wohnung, du verabredest dich über Whats app mit ihm zu Kaffee und Kuchen in der Stadt und ziehst dein schickes Kleid an. Ich glaub ich werde gerade nostalgisch 🙂
    Allerliebste Grüße
    Simone

  5. Ich habe mir in unserer gemeinsamen Elternzeit im 2.Lebensmonat ein Hemdblusenkleid und einen Tellerrock genäht, insb. ersteres nicht unbedingt das praktischste Kleidungsstück für eine Babymutter, aber immerhin stillgeeignet und tailliert. Das hat richtig gut getan! Und die ersten Monate, wenn die Kinderchen noch viel schlafen hat man schon Zeit mal zu nähen. Ich hatte da sehr schnell nach der Geburt wieder das Bedürfnis nach. Also schmiede ruhig Pläne!!!

    • Du bist ja sowieso mein Role-Modell, was Kinderhaben/-bekommen, nähen und arbeiten angeht – und immer, wenn mir wieder eine Frau rät, jetzt alles zu nähen, weil ich nie wieder dazu kommen werde, denk ich: pah Frau Siebenhundertsachen hat das auch trotz zahnenden Kleinkindes geschafft.

      • Es gibt gute und schlechte Nähzeiten. Man muss ein wenig seine Gewohnheiten anpassen, z.B. auch mal nur ne halbe Stunde nähen. Aber letztlich ist es eine Frage, sich bewusst Zeitfenster einzuplanen für Nähzeit, für Zweisamkeit, uswusf. Dann klappt das auch . und wie Zioppizopp sagt, mit sehr kleinem Baby ist noch viel Nähzeit, denn die schlafen ja noch viel und man hat Elternzeit. Also nimm dir ruhig was vor, das machst du schon.

  6. Wie gut ich dich verstehen kann! Ich bin und bleibe ein Webstoffnähnerd, diese Jerseynäherei ist auf Dauer nicht, dass was mir Spaß bringt. Aber das Ende ist ja bald in Sicht und bis dahin musst du eben von deinen kommenden Projekten träumen 🙂

    Herzlichen Glückwunsch übrigens zum jungen Mann! Dann können wir uns ja in Zukunft bestens über schöne Jungsschnitte austauschen.

    Liebe Grüße
    Steffi

    • Steffi, auch dir Glückwunsch! Wie ging es dir, als du das Geschlecht erfahren hast? Einer meiner ersten Gedanken war: „Ups, wo bekomme ich Schnitte und Stoffe für Jungen her?“ 😉
      Und ganz bald da feiern wir die Rückkehr des Webstoffes in unser Leben – und stoßen virtuell drauf an.

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