#116: Ich bin raus.

Seit Wochen schleicht es um mich herum. Kommt näher, bleibt einen Moment – wenn ich nicht aufpasse, springt es mich von hinten an. Bin ich aufmerksam, kann ich es in Schach und schön auf Abstand halten – aber heute habe ich ihm ins Auge gesehen und gewusst, dass es gewonnen hat. Wovon ich spreche? Von dem Gefühl, nähtechnisch raus zu sein. Sowas von abgehängt – völlig hinten an.

Sehen wir den Tatsachen ins Gesicht: ich habe ein Jahr lang nichts anständiges kein von mir ernstgenommenes Kleidungsstück mehr produziert. Bei Kleidung rät man dazu, alles, was man ein Jahr nicht getragen hat, auszusortieren. Hat sich mein Nähgefühl eventuell selbst aussortiert?

Woher rührt die Sorge?

Neue Schnittmuster locken mich nicht.

Der Me Made Mittwoch interessiert mich zwar als Zuschauer, reizt mich aber nicht zum mitmachen.

Neuer Stoff kommt, wenn überhaupt, projektbezogen ins Haus.

Wenn ich nähe, dann für andere oder das Kind.

Man könnte meinen, ich hätte genug Kram im Lager. Oder sei näh-erwachsen geworden, müsse nicht mehr alles sofort haben – kann ja auch von Vorteil sein. Für mich fühlt es sich aber eher wie ein Verlust an. Mir fehlt diese Nähgier, die mich gepackt hat, wenn ein neues Schnittmuster rauskam, das mir gefallen hat. Mir fehlt dieses unbedingte Nähen-Müssen. Mir fehlen die Ideen.

Sehe ich mir andere Nähnerds an, die letztes Jahr ein Kind bekommen haben, sehe ich fleißige, in ihrer Leidenschaft ungebrochene Frauen, die ihren Kleidungsweg weiter gehen. Sehe ich mich an, bin ich ratlos. Am Wochenende kaufte ich zwei Hosen und akzeptierte damit, dass hohe Schuhe und Röcke sich für mich nicht mit täglichen Wind-und-Wetter-Spaziergängen vertragen. Das nervt mich enorm. Ich will keine Jeans-Outdoor-Jacken-Mutti sein. Ich will aber auch nicht unbequem durch die Stadt wackeln, nur weil ich keine Jeans-Outdoor-Jacken-Mutti sein will. Kopf-Kleiderschrank-Näh-Depression.

Hat jemand ein Rezept dagegen? (Jerseykleider helfen nicht – das weiß ich schon.)

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12 Gedanken zu “#116: Ich bin raus.

  1. Ich sehe es auch so wie die Anderen, mit Baby ändern sich die Prioritäten und Hobbies dramatisch. Mein Sohn wird jetzt bald 2 und seit seiner Geburt habe ich auch fast ausschließlich für ihn genäht, wenn ich denn überhaupt mal Zeit hatte. Bei dem mini-bisschen Freizeit und den vielen netten Dingen, die man für das Baby nähen kann höre ich erst jetzt langsam meinen eigenen Kleiderschrank nach Hilfe rufen…
    Keine Ahnung wie man das wieder normalisieren kann. Mit meiner Figur bin ich wieder ganz zufrieden und das Gefühl, vor einem ganzen Schrank voll „nichts anzuziehen“ zu stehen habe ich ja auch oft genug, nur die zündende Idee was Ich für Mich jetzt Schneidern könnte hab ich nicht.

  2. ich glaube, dein problem ist nicht,dass du gezündet werden müsstest, sondern dass dir selbst nicht klar ist,was zu deinem jetzigen leben passt oder es fehlt an akzeptanz der realität.
    völlig normal und gesund ist,dass dein leben jetzt und die kommende jahre nur um das kind sich dreht und die kleidung muss auch dem entprechend passend und praktisch sein. dann ist es halt so,dass deine sofortige kleidung jetzt überwiegend hosen sind. ich finde, man muss sich damit ausdeinander setzen und überlegen, was kann man daraus schönes machen?
    kommt zeit kommen kleider oder andere bedürfnisse.
    aber auch als mutti muss man schön aussehen, für sich, für den mann..

  3. Ich glaube, dass es vollkommen normal ist, zwischenzeitlich auch mal das Interesse am Nähen zu verlieren. Egal ob mit so einer einschneidenden Umstellung im Leben (wie einem Baby) oder ohne. Das konnten wir in der Vergangenheit auf vielen Blogs beobachten, einige wurden eingestellt, andere lebten nach einer Zeit wieder auf. Setz Dich nicht so unter Druck. Die Prioritäten verschieben sich enorm, wenn man Kinder bekommt. Es ist ein unheimlicher Kraftaufwand diese kleinen Würmchen zu umsorgen und die eine braucht als Ausgleich vielleicht das Nähen, die andere eben nicht.

    Ich hatte nach meiner Tochter eine sehr lange Nähpause – fast 3 Jahre! Danach hat es mich mit solcher Wucht wieder erwischt, dass es mich fast umgehauen hat. Manche Sachen brauchen ihre Zeit – und selbst wenn der Wahn nicht wiederkommt – so what? Tu, worauf Du Lust hast. Tu, was sich für Dich und Deine kleine Familie gerade richtig anfühlt – ob das jetzt etwas kreatives, vor dem Fernseher ausspannen oder einfach nur schlafen ist.

    Mit den Kindern durchläuft man als Frau eine unheimliche Veränderung – physisch und psychisch. Es braucht eine Weile, sich als Frau wiederzufinden, vielleicht auch einen neuen Stil zu entwickeln, der den neuen Lebensumständen und dem anderen Körpergefühl angepasst ist. Was für mich jetzt eine positive Erfahrung war: das Frausein (was sich anders anfühlt als das reine Muttersein) kommt wieder (nach fast 5 Jahren…). Das Körpergefühl kommt wieder. Und damit auch die Lust, sich aufzuhübschen, richtig schicke Klamotten zu tragen, die mehr als zwei Stunden sauber überleben und nicht einfach nur praktisch sind. Auch Schmuck anlegen und unkonventionellere Sachen ausprobieren macht wieder Spaß. Insofern: Gib Dir Zeit, genieß Dein Baby und wenn etwas kommt, worauf Du Bock hast – hau rein!

  4. Hast du an sich keine Lust mehr etwas zu nähen oder ist es nur „keine Lust Kleidung zu nähen“?
    Versuch doch mal etwas ganz anderes wie z. B. Patchwork oder Quilten – und dann auch erstmal nur kleinere Projekte mit GelingGarantie 🙂
    Ansonsten schließe ich mich den anderen an. Das erste Kind ist eine unglaubliche Umstellung. In der Ruhe liegt die Kraft. Ich kann auch esoterisch 😉
    Alles wird gut,
    Kathrin

  5. Mir fällt spontan noch das Projekt Regenmantel-in-schön ein, was dich als spätere Spielplatzmuddi glücklich machen könnte und ein dankbares schnelles Projekt ist, ein. Und Röcke sind bestimmt auch gut, wenn es wärmer wird. Ansonsten: sei nicht so streng mit dir!

  6. Bei mir hat es fast ein halbes Jahr gedauert bis ich wieder (ernsthafte) Sachen für mich genäht habe und ich hatte die gleichen Gedanken wie du. Mittlerweile ist meine Tochter 9 Monate alt und der Nähwahn hat mich wieder fest im Griff. Die Projekte, auf die ich mich immer am meisten freue, sind die für mich. Und schwups, sitze ich auch mal wieder eine halbe Nacht an der Nähmaschine, weil ich unbedingt noch die coole Bluse mit dem neuen Stoff von Frau Tulpe fertig kriegen will, damit ich sie am nächsten Morgen zum Sektfrühstück mit dem anderen Muttis (ohne Babys) vorführen kann :o) Das wird ganz bestimmt auch bei dir wieder so sein! Bei mir war es einfach so, dass ich die ersten Monate so anstrengend fand, dass ich gar keine Muße hatte, kreativ zu werden. Aber irgendwann werden die Tage (und auch die Nächte) wieder entspannter und der eigene Körper wieder weniger unförmig (Haha!), und dann kommt die Sucht schon wieder zurück und packt dich. Ich wünsche es dir auf jeden Fall und werde weiterhin schön leise mitlesen und alles verfolgen. Alles Gute für dich! Korinna

  7. Röcke?
    Sind aus webware, Näh – Aufwand ist gering, geht zu still-Shirt, macht ein anderes gefühl als Jogginghose, geht mit Turnschuhen sowie mit Stiefeln oder sonstwas du magst an deinen Füßen.
    Wenn ich eine kinder-Alltag-bedingte näh-Blockade habe löse ich die mit einem Rock. Bevorzugt mit kellerfalten-einfach-Röcken die hübsch aussehen aber unkompliziert zu nähen sind.
    Allgemein kann ich mich dem esoterischen Geschreibsel der anderen anschließen: das wird!
    Mutter werden ist krasser scheiss. Da strauchelt auch mal kurz der Style … Das kann schon sein, bist ja schließlich jetzt superwoman und nicht mehr einfach nur ne Frau 😉

  8. Vielleicht musst du dich nach diesem Wandel zur Mutter erst neu finden, auch styletchnisch. Boah, das klingt jetzt so esoterisch, aber es ist ja schon ein krasser Wechsel, wenn man das erste Kind gekriegt hat. Und man braucht eine Weile, um anzukommen. Lass dir doch Zeit, irgendwann kommt es bestimmt wieder. Ich habe übrigens bis nach Kind zwei noch Shirts und jeans getragen und es irgendwie ätzend gefunden, bis ich dann zu meinen Kleidern gefunden habe, dauerte es noch. Mit Kind sind die Prioritäten plötzlich verschoben, finde ich, manchmal kommt mir dieses gemache um schöne Kleidung ziemlich unsinnig vor…aber das sind nur kurze Phasen 😉 dann freue ich mich wieder aufs nächste kleid. LG, Katharina

  9. Einfache Oberteile zur Jeans, also so Schlupfblusen? Wenig Aufwand, schöne Stoffmöglichkeiten und bequem. Mehr fällt mir da auch nicht ein. Das ändert sich auch wieder, du bist einfach andersweitig beschäftigt. Das kommt wieder, wenn es passt, keine Sorge.

  10. Ich fühle mit Dir, denn mir geht es ganz ähnlich. Das was ich gerne nähe, verträgt sich gerade so wenig mit meinem Alltag. Ich hoffe der Frühling bringt die Lösung. Denn wenn ich es mir recht überlege ist es bei mir ein Schuhproblem. Auf hohen Hacken kann und will ich nicht ständig unterwegs sein. Mir fehlt ein Schuh, der bequem ist und dennoch gut zu Kleid und Rock aussieht. Mal sehen, ob ich bald fündig werde.

    Ich drück die Daumen, dass du deinen Nähflow bald wieder findest.

    Liebe Grüße
    Steffi

    • Danke! Das Schuhproblem dachte ich, gelöst zu haben – kaufte am WE flache Rock/Kleidkompatible Paul Green Schuhe … das brachte es auch nicht so recht. Aber ja, der Frühling könnte es ändern. Auch wenns etwsa gemein klingt, ich freue mich, nicht allein zu sein 😉

      • Ja, genau so fühlt es sich auch bei mir an. Das letzte Jahr war nähtechnisch vollständig unproduktiv und nun fehlen mir Zeit und auch das Interesse für größere Projekte. War ich sonst fast ausschließlich hochhackig unterwegs, habe mir seit Jahren das erste Paar flacher Stiefel gekauft und seit letztem Jahr Ballerinas schätzen gelernt. Für ausgedehnte Spaziergänge sind Letztere aber wohl eher auch ungeeignet. Außerdem ertappe ich mich dabei, wie ich die Blogs fast nur noch nach tollen Kindersachen durchforste. Ich hoffe, dass sich das wieder legt und das Interesse an schönen Sachen für mich wieder neu entflammt. Ich hoffe da auch auf den Frühling!
        Viele Grüße
        Cornelia

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