#131. Teilzeit-Alles.

Wow – das war länger, als ich je dachte ohne bloggen und nähen leben zu wollen. In den letzten 18 Monaten hat sich mein Leben einmal um 180 Grad gedreht. Früher so: Vollzeit-und-gern-mehr-arbeitenden Frau, Großstadt, Altbau mittendrin, ständig unterwegs, jede freie Minute an der Nähmaschine.

Heute so:  Teilzeit-Leben zwischen Arbeit und Kind, Land, nicht-ideale Wohnsituation, zwei bis drei Großprojekte in der Pipeline, in den letzten sechs Monaten kaum nach 18 Uhr draußen gewesen, nie mehr an der Nähmaschine. Vom Blog ganz zu schweigen.

Gerade letzteres – fehlende Nähmaschinen-Zeit und das lange Schweigen hier, nerven mich enorm. Dass sich das Leben mit Kind verändert – ok. Dass ich nicht mehr nähe – geht gar nicht. Und ist auch nicht so. Viel meines „nie mehr habe ich Zeit zum nähen“-Gejammers entspringt einem Problem in meiner Wahrnehmung, das ich erst jetzt verstanden habe: Nähzeit von unter zwei Stunden am Stück empfinde ich nicht als solche. Früher habe ich ganze Wochenenden einfach im Nähzimmer verbracht, unterbrochen nur durchs Essen. Da kam der Flow, diese ganz eigene Energie, die man spürt, wenn es läuft. Zugegeben: auch diese ganz eigene Wut, wenns gar nicht rund werden will.

Zudem messe ich mich auch und vor allem am Output: unter drei Kleidungsstücken die Woche bedeutet „nichts geschafft“. Weiterhin für die innere Bilanz ausschlaggebend ist die Art des Projektes: alles, was nicht für mich und/oder aus Jersey ist, wird ebenfalls nicht anerkannt.

Schön bescheuert.

Also Kurskorrektur.

Kinderkleidung zu nähen gehört zu meinem Leben. Ich will das so und werde mir damit keinen Zacken aus der Krone brechen. Ich werde nur weiterhin darauf verzichten, sie hier zu zeigen. Weil: langweilig.

Jersey ist ein Freund meines Alltags geworden. Ebenso Sweat. Oder andere elastische Materialien. Sie zu verarbeiten erfordert weder besonderes Geschick noch besondere Kenntnisse. Aber sie führen zu alltagstauglicher, getragener Kleidung. Und die hat mein Kleiderschrank nach wie vor nötig.

Mich interessiert alles rund um Schnittentwicklung und -änderung sehr. Nun reichen aber weder Konzentration noch Zeit am Stück aus, hier in einem vernünftigen aka befriedigendem Maß einzusteigen. Das Thema verschiebe ich offiziell auf eine andere Lebensphase.

Baumwollfähnchen-Kleider und -Röcke wandern ebenso mit in eine andere Lebensphase. würden sich aber freuen, im Sommer mal wieder ausgeführt zu werden. Daran hängt das andere große Thema in meinem derzeitigen Leben: dieser postnatale Körper.

Jawohl ich spreche auch 14 Monate nach der Entbindung von „postnatal“ in dem vollen Wissen, dass dies nicht der Definition entspricht. Denn mal unter uns: Alter, wer erzählt eigentlich diesen Bullshit mit „9 Monat kommt der Bauch, 9 Monate geht er“? Ich kenne absolut keine Frau, auf die das zutrifft. Selbst die, die nach drei Monaten oder so wieder äußerlich aussahen wie immer, fühlten sich innerlich anders an. Oder waren ständig krank. Die, denen es geht wie mir, die also auch über ein Jahr nach der Entbindung noch offiziell „zu viel wiegen“ und die Spuren an ihrem Körper deutlich sehen, plagen sich mit einem schlechten Gewissen, denn die neun Monate sind ja lange vorbei. Ergo war ich wohl zu faul/unfähig/wenig diszipliniert um wieder auszusehen wie früher. Ne. So nicht. Früher ist vorbei – dahin geht es nicht zurück. Auch körperlich nicht. Ach für dich schon? Prima, freu dich. Für mich gibt es nur das Hier und das Jetzt, vielleicht noch ein Morgen. Und das bedeutet: mein Körper muss nicht aussehen wie früher – aber ich muss etwas dafür tun, dass er mich weiterhin so treu begleitet – ob nun mit drei Kilo mehr oder weniger ist egal. Das bedeutet ausreichend zu schlafen und gut zu essen. In der Folge bleibt weniger Zeit fürs Nähen, denn vernünftig kochen braucht Zeit – am Herd, in der Vorbereitung, in der Planung beim Einkauf. Bewegung braucht Zeit. Schlaf braucht Zeit.

Das bedeutet fürs Nähen – ganz projektmangementmäßig: der große Berg muss in kleine Schritte zerlegt werden. Ergo habe ich letztes Wochenende fleißig ausgedruckt, zugeschnitten, vorbereitet. In dieser Woche sind so ein Alice-Sweater und ein Shirt fertig geworden – in gerade mal drei Mal 15 Minuten Nähzeit.

Man soll ja nicht den Tag vor dem Abend loben – oder anders ausgedrückt: bevor ich nicht drei Mal hintereinander beim MMM dabei war, will ich mich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber, Freunde, es sieht so aus, als ob ich das Problem gelöst hätte und wieder da wäre. Teilzeit – aber dabei. Ich freue mich drauf. Ihr habt mir gefehlt.

 

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10 Gedanken zu “#131. Teilzeit-Alles.

  1. Pingback: Dreimal für’s Töchterchen auf die Schnelle genäht | Jeder kann nähen

  2. Ich freu mich, wieder mehr von dir zu lesen! Ein Kind ist so eine Umstellung, ich versteh dich gut! Hier liegt übrigens noch ein Schnitt, den du mir mal geliehen hast und den ich auch noch nicht geschafft habe…schickst du mir deine neue Adresse?

  3. Pingback: #132. Me Made Mittwoch. Yeah! | Bloggen. Leben. Nähen.

  4. Ich finde und fand diese zerpflückte Nähzeit auch sehr unangenehm, das merke ich vor allem, wenn ich bei Nähkränzchen oder so mal mehr Zeit am Stück habe. Aber tatsächlich sollte eine sich davon nicht zu sehr aufhalten lassen. Auch 30 Minuten Nähzeit sind eine Auszeit, die man mit sich und Handwerksglück verbringt. Wichtiger Tipp: vermeiden, dass ein doofer Arbeitsschritt am Beginn des nächsten Zeitfensters steht. Also z.b. Einlage lieber noch als letztes Aufbügeln, damit man nicht beim nächsten Mal denkt „Toll die ganze Nähzeit nur mit dusseliger Einlage verdaddelt“.
    Ansonsten: das wird das wird! Willkommen zurück!

    • Ich danke dir – auch für den Tipp. Mich blockieren solche Sachen gern auch schon mal gedanklich … hier liegen zB noch zwei zu zwillingsnadelnde Shirts – meinte die werden fertig? Wohl kaum 😉

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