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Karl. Die Lösung für Nahtzugaben.

Nahtzugabe, die.

Eigentlich ein harmloses Stückchen Zugabe am Zuschnitt eines Kleidungsstückes, das sauberes Nähen ermöglichen soll. Oft genug aber auch: ein lästiger weiterer Schritt auf dem Weg an die Nähmaschine.

Und dann neulich Abend auf Instagram:

 

Und alle so: WIE GENIAL IST DAS DENN BITTE?

Karl_ausgepackt

Karl, seine Verpackung, mein Handmaß und meine Schere. Auf gehts. 

Das Ding heißt Karl. Und Karl ist ein Zubehör, das man an die Schere klickt. Ein starker Magnet hält es an Ort und Stelle. Ein Alu“Finger“, der die Form einer Schere nachformt, kann dann auf zwischen einem und drei Zentimeter Abstand zum Schnittteil eingestellt werden und macht so das lästige Anzeichnen der Nahtzugabe überflüssig. Frau Nadelbernd war begeistert und ich auch. Offenbar so sehr, dass Sabine, die Erfinderin von Karl, mir anbot, diesen zu testen.

Mache ich aus Überzeugung nie, wenn ich soll. Weil das hier mein Hobby ist und bleibt und ich die Kommerzialisierung Professionalisierung der Nähcommunity mit gemischten Gefühlen sehe. Aber

  1. schien mir Karl ein für mich mal wirklich nützliches Tool zu sein und
  2. steht hinter Karl kein Konzern, sondern Sabine. Die näht auch und ihr Vater tüftelt gern. So haben die beiden Karl entwickelt.

Der Deal: Sabine schickt mir Karl, ich teste ihn und schreibe drüber.

 

Karl_Zuschnitt_1

Der erste Schnitt. Hier sieht man Karl in Aktion bei einem Zentimeter Zugabe. Da fiel mir dann ein: Mist, das ist der Saum, ich brauche zwei! Aber zum Glück ist das echt simpel eingestellt. Nur das türkis Rad drehen und den Abstand etwas vergrößern.

Das habe ich getestet: um meine schnellen Kinder-Näherfolge (s. Instagram) fortzusetzen musste nach sechs Raglanpullis mal ein anderer Schnitt her. Der Leder-Sweater aus der La Maison Victor 1/2014 ohne Leder (wie unpraktisch beim Waschen!) wurde es.

Mein vermeintlich schlauer Hintergedanke: ich teste Karl an einem Stoff, der brav liegen bleibt und einfach zu handhaben ist.

 

 

Karl_Zuschnitt_2

Das erste Teil ist zugeschnitten und ich bin zufrieden. Stelle aber fest: meine Schere scheint zu lang zu sein, das führt zu unsauberen Zacken und unpräzisen Ergebnissen am Armausschnitt. (Da es Sweat ist, pfusche ich das beim Nähen wieder hin, bei einem Kleidungsstück aus Webware wäre ich pingeliger)

Der Plan ist aufgegangen. Der Stoff ließ sich prima zuschneiden, auch wenn die Handhabung natürlich erstmal ungewohnt ist. Ich habe mich etwas heran tasten müssen an das richtige „Schnittgefühl“. So wie mit jeder neuen Schere auch. Aber dann! Karl ist spitze. Er tut was er soll, erklärt sich von selbst und hält bombenfest an der Schere. Ein echter Gewinn, der wirklich Zeit und Nerven spart. Man kann ihn prima auch während des Schneidens justieren und den Finger auf und ab bewegen, was ich sehr hilfreich gerade in Kurven und an Rundungen fand.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte: Karl in langer Variante. Meine Schere ist zu lang für Karl, das macht den Zuschnitt etwas wackelig, ich habe noch eine kürzere Schere mit der geht es deutlich präziser.

Noch zwei Pro-Tipps, damit ihr im Zweifel nicht den gleichen Mist macht, wie ich: Schnittteile OHNE Nahtzugabe muss man mit MEHR Abstand zu Stoffkanten anlegen, sonst macht man Murks.

Und: Schnittrichtung wechseln = Karl wechseln.

Sehr gern für euch getestet. Macht es besser als ich.

 

Ihr bekommt Karl bei Dawanda für 24,50 Euro.

Vielen Dank, Sabine, dass ich Karl testen durfte!

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Von der Individualität.

„Wir sind nicht alle“, diesen Satz habe ich wohl tausend Mal von meinen Eltern zu hören bekommen, wenn es um Klamotten/Ausgehzeiten/Schulnoten/Anschaffungen und was auch immer ging. Wenn ich mit dem Teenager-Standardargument kam: „ALLE anderen haben das aber auch so!“ Und soweit ich das mitbekomme, hat dieser Satz nahezu eine Generation geprägt – ALLE (;)) meine Freunde kennen ihn auch.

Also lernte ich: Individualität ist wichtig. In einer Phase meines Lebens in der ich doch zu gern nur ein fühlen wollte: Zugehörigkeit. Transportiert über Waren Einform von Kleidung oder gemeinsame Unternehmungen mit meinen Freunden.

Später dann, als junge Erwachsene und allein entscheidungsberechtigt, spürte ich: Zugehörigkeit kann sich klebrig und falsch anfühlen. Wenn alle die selbe Jacke von der selben Marke tragen. Zum Beispiel. Und versuchte, individueller zu sein. Studierte ein Fach, das nur 30 andere in Deutschland studieren konnten. Wohnte aber wie alle in einer WG, kaufte meine Klamotten bei H&M (für mehr Individualität reichte das studentische Budget nicht aus) und hörte die Musik unserer Generation, ging feiern, wo alle feierten und begann einen Job, wie alle einen Job begannen.

Der Individualitätsbegriff erhielt erst über das Internet wieder Einzug in mein Leben. Mit Plattformen wie Dawanda stand da plötzlich der Konsum-Gegenentwurf zu den großen Ketten, die ich aus der Hamburger Innenstadt kannte. Und entdeckte, dass „handgemacht“ ein Verkaufsargument sein kann.
In dieser Phase begann ich zu nähen und aufzufallen, weil meine Kleidung sich plötzlich wirklich anfing von der meines Umfeldes zu unterscheiden. Meine Bezugsgruppe fand ich dazu eher online. Nähbloggerinnen, die ähnliche Dinge nähten wie ich, aber eine Gruppe so klein, dass Individualität ein echtes Merkmal wurde.

Schließlich begann die Nähszene zu wachsen, der Begriff des „Lemmings“ erhielt eine neue Bedeutung und es versammelten sich Gruppen zueinander, die bestimmte Stile pflegten und je nach Bedürfnis, sich mehr oder weniger stark von anderen nähenden Gruppen abgrenzten. Individualität und Selbstwahrnehmung gepaart mit dem  Bedürfnis, Zusammengehörigkeit über einen gemeinsamen Code (hier in Form der Kleidung/Schnittmuster/Stoffe zum Ausdruck zu bringen). Dieses Phänomen ist auch meins: immerhin betone ich immer wieder gern, dass ich keine Bastelmutti bin.

Und dann passierte etwas, das dazu führte, dass ich die letzten drei Jahre etwas ratlos meinem liebsten Hobby gegenüber umging. Ich wurde schwanger, bekam ein Kind und nicht nur mein Körper, sondern auch meine Lebensumstände änderten sich so rasant und massiv, dass meine vermeintliche Individualität und das Bedürfnis der Identifizierung so weit auseinander entwickelten, dass ich nicht mehr nähen konnte. Bzw nicht mehr erfolgreich nähen konnte. Mein Herz sehnte sich weiter nach den Baumwoll-Kleidern meiner ersten Jahre. Bewunderte diese auf den Blogs und auf Instagram und mein Kopf wusste: das ist gerade nichts für mich. Ich brauche Hosen, bequeme Kleidung, dehnbare Materialien, Bewegungsfreiheit, um mich in mir und meinem Leben wohl zu fühlen. Und so verlor ich den Bezugspunkt – in meiner Nähfilterblase dachte ich immer gäbe es zwischen Jerseykleid und Webstoff-Wundern nichts anderes.

Jetzt erst kann ich sehen: es gibt ein Dazwischen. Ich entdecke mit frischem Blick neue Schnittmuster und Materialien für mich. Experimentiere wie ganz am Anfang, mit Formen und Farben, entdecke neu, was mir stehen könnte und was ich gern nähe.

Seit gestern Abend weiß ich: einfache Schnitte dürfen es sein. Dabei wollte ich mich gern handwerklich weiter entwickeln und dachte, mit simplen Schnitten ginge das nicht. Doch das geht, dann arbeite ich an der sauberen Verarbeitung statt an der nächsten Technik. Der Erfolg des Kleidungsstückes, also ein tragbares Modell zu erschaffen, ist mir wichtiger als die Frage ob es aus Webstoff oder Jersey ist. Überhaupt stelle ich fest, dass ich handarbeite, um ein verwendbares Stück zu haben. (Daher habe ich das Häkeln aufgegeben. Ich mag die Technik im Schaffensprozess gern, mag aber keines der Endergebnisse so leiden, dass ich es nutzen wollte).

Und so nähe ich, was gerade alle nähen (aktuell: Frau Ava) und entdecke das Individuelle darin. Nämlich mich.

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#136: Geht es weiter?

Offenbar treibt mich im Spätsommer das bloggen um. Fast ein Jahr ist es her, dass ich zum letzten Mal gebloggt habe. Und dann in der bloggenden Versenkung verschwand. Instagram ist oft schneller, direkter, ich mag es dort gerade sehr. Oft fehlt auch die Zeit zu recherchieren, ausführlicher zu werden und dennoch lässt es mich nicht los, dieses Gefühl, wieder ausführlicher schreiben und zeigen zu wollen. Ich nehme den Druck raus, setze hier keine Ziele mehr, sondern werde mal nach dem Lustprinzip vorgehen und schreiben, wenn es mir in den Sinn kommt. Denn mein kleines Nähtagebuch fehlt mir schon sehr, ebenso wie das regelmäßige und stete Nähen und der Austausch mit euch hier.

Der deutsche Sommer scheint vorbei, heute morgen begrüßte mich der erste Frühnebel über den Feldern hinter unserem Haus. Das sieht toll aus, ist aber ein sicheres Zeichen dafür, dass der Herbst vor der Tür steht.  Also wende ich mich den Herbstnähplänen zu. Und berichte euch bald davon, denn ich werde ein, zwei größere Nähprojekte in Angriff nehmen. Bis bald. Echt jetzt.

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#135: Jeans nähen

2016 ist ein wildes Jahr. Eines, das aus der Reihe tanzt und in jedem Monat eine neue Überraschung für uns bereit hält. Sehr viel sehr Schönes, einiges weniger Schönes, viel Unerwartetes, einiges lang ersehntes. Ich würde gern sagen können, dass das Nähen in diesem Jahr meine Ruheinsel war. Pustekuchen. Zudem ist – zumindest in zeitlicher Hinsicht – keine Besserung in Sicht. Weiterlesen

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#131. Teilzeit-Alles.

Wow – das war länger, als ich je dachte ohne bloggen und nähen leben zu wollen. In den letzten 18 Monaten hat sich mein Leben einmal um 180 Grad gedreht. Früher so: Vollzeit-und-gern-mehr-arbeitenden Frau, Großstadt, Altbau mittendrin, ständig unterwegs, jede freie Minute an der Nähmaschine. Weiterlesen

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#127: Stilwechsel.

Die Zeit der Webstoffkleider und -röcke ist für mich vorbei. Vorerst.

Es hat ja nur anderthalb Jahre gedauert, bis ich es eingesehen habe und aufschreiben kann. Laut gesagt habe ich den Satz allerdings noch nicht. Es ist so: etwa anderthalb Meter meines Kleiderschranks füllen meine Kleider und Röcke. Getragen habe ich davon in den letzten 18 Monaten: Null. Muss man nun also anderthalb wertvolle Schrankmeter weiterhin mit Kleidung belegen, die zum derzeitigen Leben nicht passt? Nein, denke ich und werde zwei, drei der vielen Umzugskartons auf unserem Dachboden damit füllen. Um Platz zu machen für etwas Neues.

Etwas Neues, das zu meinem heutigen Ich passt. Dass Breiflecken verzeiht. Dass Patschehände, die eben noch im Dreck gewühlt haben, verträgt. Etwas, in dem ich in die Hocke gehen kann, ohne dass es mich einengt, etwas in dem ich spontan einen Sprint einlegen kann, das spontan einsetzenden Regen eine Fußstunde von zu Hause entfernt aushält, etwas das geklettert und geschmust werden kann, auch wenn der kleine Mund noch voller Apfelmus klebt. Etwas in dem ich mich nach mir fühle und mir nicht verkleidet vorkomme. Etwas, das passt. Etwas, das akzeptiert, dass hier noch einige Kilos mehr sind, als vor der Schwangerschaft. Etwas, das akzeptiert, dass mein Körper anders fühlt und anders ist, dass mir hilft, diese Veränderung anzunehmen. Etwas das der ländliche Einzelhandel nicht im Angebot hat, etwas mit Stil obwohl es auf die Mutti-Uniform hinaus läuft.

Was kann das sein? Auf meinem Inspirationsstreifzug durch das Internet bin ich bei der Frau gestartet, deren Stil ich sehr, sehr liebe. Die so authentisch wie kaum eine andere in ihrer Kleidung ist und die aus Notwendigkeiten eine Tugend machen kann. Sinje. Linden-Sweater, schwarze Jeans, Ballerinas. Origami-Rock, Shirt, Sneaker. Mal ein Hauch Grau. Sporty Fashionista. I <3. Meine erste Idee: ein Sweater muss her – nein nicht so etwas mit kreisrunden Taschen und Applikationen und aus Kinderstoff, eher etwas locker geschnittenes, Raglan, schlicht, passend zu meiner grauen Lieblingsjeans, evt vorn kürzer als hinten.

Linden ist schon toll.

Sehr cool auch Fraser von Sewaholic – wobei mir hier die Armschnittführung nicht so richtig gefällt, es könnte sein, dass das ein Schwitzklemmer wird.

Auf meiner Recherchereise bin ich in neue Gefilde vorgedrungen. Deutsche Schnittmusterdesignerinnen, die vornehmlich Jersey oder Sweat verarbeiten. Alice von Prülla finde ich überraschend großartig. Allerdings hat meine Beispielsuche ergeben, dass es häufig nicht ganz so hübsch sitzt wie an der Designerin selbst. Einen Versuch mit dünnem Seat könnte es wert sein.

Viel gelobt wurde im Netz immer wieder dieses hier:

Ich hänge ein bisschen – evt ist mir das schon einen Hauch zu … pfiffig. Zu nah an kreisrunden Taschen und Kinderstoff. Vielleicht bin ich aber auch phantasielos.

Ich werde mal etwas rumprobieren. Ein bisschen Stoff bestellen und vorsichtig ausprobieren, wohin es mich zieht. Was ich nicht ganz lassen möchte sind ein Herbst und Winter in Rock/Kleid und Stiefeln. Dafür muss schon mal eine Leggings her. Roxie aus der ersten La-Maison-Ausgabe könnte einen Versuch wert sein. Und dann ein Origami-Rock dazu? Ich habe einen, den ich so geliebt habe, dass er auseinander fällt und kann mir trotzdem nicht vorstellen, noch einen zu nähen. Trägt am ohnehin geschundenen Bauch sehr auf. Habt ihr eine Idee für einen bequemen und komfortablen Rockschnitt, der Babyalltag und Homeoffice mitmacht?

Und die Kleider? Ich bin fest entschlossen, gegen meine Jerseykleid-Aversion, die mir aus der Schwangerschaft geblieben ist, anzugehen. Eventuell muss ich mal eine andere Form ausprobieren. Moneta von Colette Patterns etwa.   Besser noch Davie von Sewaholic:

Wobei ich mich sehr in das Ariel-Kleid (leider online nicht auffindbar) aus der aktuellen La Maison verliebt habe – vielleicht doch ein Webstoff, aber mit Stretch? Bliebe aber die Herausforderung, dass Strumpfhosen nun wirklich gar nicht babytauglich sind.

Farblich bin ich bei Sinje: grau, schwarz. Ich ergänze dann noch mit blau und ein paar Aqua-Tönen. Etwas pink eventuell.

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#125: Brigitte Kreativ

Heute morgen entdeckte ich, dass die Brigitte ein neues Heft an den Kiosk bringt. Brigitte Kreativ. Neue Zeitschriften von lang gehegten Lieblingsmarken bekommen immer eine Chance bei mir – auch wenn ich sofort skeptisch war. „Kreativ“ ist kein eindeutiges Bekenntnis zum Nähen und kann schnell mal in Schnullerketten und Tatüs enden. Weiterlesen