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Von der Individualität.

„Wir sind nicht alle“, diesen Satz habe ich wohl tausend Mal von meinen Eltern zu hören bekommen, wenn es um Klamotten/Ausgehzeiten/Schulnoten/Anschaffungen und was auch immer ging. Wenn ich mit dem Teenager-Standardargument kam: „ALLE anderen haben das aber auch so!“ Und soweit ich das mitbekomme, hat dieser Satz nahezu eine Generation geprägt – ALLE (;)) meine Freunde kennen ihn auch.

Also lernte ich: Individualität ist wichtig. In einer Phase meines Lebens in der ich doch zu gern nur ein fühlen wollte: Zugehörigkeit. Transportiert über Waren Einform von Kleidung oder gemeinsame Unternehmungen mit meinen Freunden.

Später dann, als junge Erwachsene und allein entscheidungsberechtigt, spürte ich: Zugehörigkeit kann sich klebrig und falsch anfühlen. Wenn alle die selbe Jacke von der selben Marke tragen. Zum Beispiel. Und versuchte, individueller zu sein. Studierte ein Fach, das nur 30 andere in Deutschland studieren konnten. Wohnte aber wie alle in einer WG, kaufte meine Klamotten bei H&M (für mehr Individualität reichte das studentische Budget nicht aus) und hörte die Musik unserer Generation, ging feiern, wo alle feierten und begann einen Job, wie alle einen Job begannen.

Der Individualitätsbegriff erhielt erst über das Internet wieder Einzug in mein Leben. Mit Plattformen wie Dawanda stand da plötzlich der Konsum-Gegenentwurf zu den großen Ketten, die ich aus der Hamburger Innenstadt kannte. Und entdeckte, dass „handgemacht“ ein Verkaufsargument sein kann.
In dieser Phase begann ich zu nähen und aufzufallen, weil meine Kleidung sich plötzlich wirklich anfing von der meines Umfeldes zu unterscheiden. Meine Bezugsgruppe fand ich dazu eher online. Nähbloggerinnen, die ähnliche Dinge nähten wie ich, aber eine Gruppe so klein, dass Individualität ein echtes Merkmal wurde.

Schließlich begann die Nähszene zu wachsen, der Begriff des „Lemmings“ erhielt eine neue Bedeutung und es versammelten sich Gruppen zueinander, die bestimmte Stile pflegten und je nach Bedürfnis, sich mehr oder weniger stark von anderen nähenden Gruppen abgrenzten. Individualität und Selbstwahrnehmung gepaart mit dem  Bedürfnis, Zusammengehörigkeit über einen gemeinsamen Code (hier in Form der Kleidung/Schnittmuster/Stoffe zum Ausdruck zu bringen). Dieses Phänomen ist auch meins: immerhin betone ich immer wieder gern, dass ich keine Bastelmutti bin.

Und dann passierte etwas, das dazu führte, dass ich die letzten drei Jahre etwas ratlos meinem liebsten Hobby gegenüber umging. Ich wurde schwanger, bekam ein Kind und nicht nur mein Körper, sondern auch meine Lebensumstände änderten sich so rasant und massiv, dass meine vermeintliche Individualität und das Bedürfnis der Identifizierung so weit auseinander entwickelten, dass ich nicht mehr nähen konnte. Bzw nicht mehr erfolgreich nähen konnte. Mein Herz sehnte sich weiter nach den Baumwoll-Kleidern meiner ersten Jahre. Bewunderte diese auf den Blogs und auf Instagram und mein Kopf wusste: das ist gerade nichts für mich. Ich brauche Hosen, bequeme Kleidung, dehnbare Materialien, Bewegungsfreiheit, um mich in mir und meinem Leben wohl zu fühlen. Und so verlor ich den Bezugspunkt – in meiner Nähfilterblase dachte ich immer gäbe es zwischen Jerseykleid und Webstoff-Wundern nichts anderes.

Jetzt erst kann ich sehen: es gibt ein Dazwischen. Ich entdecke mit frischem Blick neue Schnittmuster und Materialien für mich. Experimentiere wie ganz am Anfang, mit Formen und Farben, entdecke neu, was mir stehen könnte und was ich gern nähe.

Seit gestern Abend weiß ich: einfache Schnitte dürfen es sein. Dabei wollte ich mich gern handwerklich weiter entwickeln und dachte, mit simplen Schnitten ginge das nicht. Doch das geht, dann arbeite ich an der sauberen Verarbeitung statt an der nächsten Technik. Der Erfolg des Kleidungsstückes, also ein tragbares Modell zu erschaffen, ist mir wichtiger als die Frage ob es aus Webstoff oder Jersey ist. Überhaupt stelle ich fest, dass ich handarbeite, um ein verwendbares Stück zu haben. (Daher habe ich das Häkeln aufgegeben. Ich mag die Technik im Schaffensprozess gern, mag aber keines der Endergebnisse so leiden, dass ich es nutzen wollte).

Und so nähe ich, was gerade alle nähen (aktuell: Frau Ava) und entdecke das Individuelle darin. Nämlich mich.

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